Modewörter und Sprachtrends:
Wenn Floskeln wichtiger klingen als ihre Aussage
Eine Sammlung inflationär verwendeter Wörter und Redewendungen – mit einem kritischen Blick und einer Prise Humor.
Sprache verändert sich ständig. Manche Wörter und Wendungen tauchen plötzlich überall auf: in Talkshows, beim Fußball, in der Werbung und im Büro. Für eine Weile klingt es, als könne man ohne sie kaum noch einen Satz bilden. Dann verschwinden sie oft ebenso schnell wieder, wie sie gekommen sind.
Hier sammle ich Begriffe, die mir im Alltag besonders auffallen. Das soll kein Sprachpranger sein, sondern ein kleines Zeitdokument: Welche Wörter waren zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt? Und was sagen sie eigentlich aus?
Manche dieser Wörter sind manchmal nützlich. Ihr inflationärer Gebrauch nervt – wenn sie eine einfache Aussage unnötig aufblasen, ungenau machen oder bloß wie Füllwörter wirken. Ein Hauch Humor ist dabei ausdrücklich gewollt. Schließlich ist Sprache lebendig und manchmal einfach nur „mega“. Niemand spricht mehr ein korrektes Deutsch. Aufgrund des Denglisch sprechen auch nicht mehr Menschen auf einmel ein korrektes Englisch. Was bleibt: Keine Sprache wird mehr korrekt gesprochen.
Modewörter und Redewendungen
Am Ende des Tages
Eine feste Wendung, die stark an das englische at the end of the day erinnert. Besonders in der Sportwelt und bei Politikern ist sie ein Dauerbrenner.
Gemeint ist meist schlicht „letztlich“ oder „letztendlich“. Die Formulierung klingt gern tiefsinniger, als der Gedanke dahinter ist.
- „Am Ende des Tages zählt nur der Sieg.“
- Einfacher: „Letztlich zählt nur der Sieg.“
Crunchtime
Eine Phase, in der Zeitdruck und Arbeitsbelastung besonders groß sind – oft kurz vor einer Frist oder einem wichtigen Abschluss.
Je nach Zusammenhang passen „heiße Phase“, „Endspurt“ oder „entscheidende Phase“.
- „Jetzt beginnt die Crunchtime.“
- Einfacher: „Jetzt wird es ernst“ oder „Jetzt kommt es darauf an.“
Auch die Schreibweise ist bemerkenswert: Im Englischen schreibt man gewöhnlich crunch time getrennt. Im Deutschen wird daraus die zusammengeschriebene Denglischform „Crunchtime“.
Faktisch
„Faktisch“ bedeutet „den Tatsachen nach“ oder „in Wirklichkeit“. Das Wort wird mitunter als schick klingendes Synonym für „eigentlich“ verwendet, obwohl die Bedeutungen nicht gleich sind.
- „Das ist faktisch unmöglich“ ist eine starke Behauptung: Etwas ist den tatsächlichen Umständen nach unmöglich.
- Ist lediglich gemeint, dass etwas schwierig wird, sollte man das auch so sagen.
Gamechanger
Ein importierter Geschäfts- und Werbebegriff für etwas, das eine entscheidende Veränderung bewirkt oder die bisherigen Regeln grundlegend verändert.
Häufig wird das Wort auch für ganz gewöhnliche Neuerungen verwendet, die dadurch bedeutender klingen sollen.
- „Das neue Kantinenmenü ist ein echter Gamechanger!“
- Je nach Zusammenhang reicht „Wendepunkt“, „entscheidende Neuerung“ oder „etwas, das alles verändert“.
Im Englischen schreibt man gewöhnlich game changer getrennt. Im Deutschen ist „Gamechanger“ zusammengeschrieben.
Impact
Das englische Wort bedeutet „Wirkung“ oder „Auswirkung“. Besonders im Geschäftsleben und in der Werbung wird es gern verwendet.
- „Die Maßnahme hat großen Impact.“
- Einfacher: „Die Maßnahme hat große Wirkung.“
Mega
Als Vorsilbe steht mega- für den Faktor eine Million, etwa in „Megawatt“ oder „Megabyte“. Umgangssprachlich dient „mega“ heute oft als Verstärker und bedeutet dann „sehr“ oder „außerordentlich“.
- „Das war mega lecker.“
- Einfacher: „Das war sehr lecker.“
Mindset
Ein englisches Modewort für „Denkweise“, „Einstellung“, „Grundhaltung“ oder – je nach Zusammenhang – „Herangehensweise“ und „Mentalität“.
Im lockeren Gebrauch wird es manchmal auch im Sinne von „Gemütszustand“ oder „Gemütsverfassung“ verwendet. Welche Übersetzung passt, hängt also vom Zusammenhang ab.
- „Dafür braucht man das richtige Mindset.“
- Einfacher: „Dafür braucht man die richtige Einstellung.“
Quasi
„Quasi“ bedeutet „gleichsam“ oder „sozusagen“. Es wird oft als Füllwort oder ungenau anstelle von „eigentlich“ verwendet.
- „Das ist quasi das Gleiche.“
- Einfacher: „Das ist sozusagen das Gleiche.“
Früher schien „quasi“ das Lieblingswort unsicherer Sprecher zu sein. Inzwischen begegnet es mir etwas seltener – vielleicht hat es seinen Zenit überschritten.
Sag ich mal so
Eine beliebte mündliche Floskel. Sie kann eine Aussage abschwächen, den Sprecher gegen die eigene Formulierung absichern oder eine Sprechpause überbrücken.
- „Das war halt nicht so gut, sag ich mal so.“
Oft ist schon aus dem Zusammenhang klar, was gemeint ist. Der Nachsatz fügt dann wenig hinzu.
Story
Das englische Wort bedeutet „Geschichte“ oder „Erzählung“. Im Deutschen wird es gern verwendet, obwohl ein passendes deutsches Wort meist ausreicht.
- „Erzähl mir deine Story.“
- Einfacher: „Erzähl mir deine Geschichte.“
In sozialen Medien bezeichnet „Story“ außerdem ein bestimmtes Beitragsformat, dessen Inhalte meist nur vorübergehend zu sehen sind. Dort hat sich das Wort als feste Bezeichnung etabliert.
Tatsächlich
„Tatsächlich“ ist ein ganz normales und nützliches Wort. In Modeform wird es gern als Verstärker oder am Satzanfang eingesetzt. Dadurch wirken mitunter auch einfache Aussagen unnötig dramatisch.
- „Das ist tatsächlich so.“
- Je nach Zusammenhang reicht: „Das ist so.“
Touchpoint
Ein englischer Geschäfts- und Werbebegriff für einen Kontaktpunkt zwischen einem Unternehmen und seinen Kunden.
- „Jeder Touchpoint muss optimiert werden.“
- Einfacher: „Jeder Kontaktpunkt muss verbessert werden.“
Weitere Kandidaten
Durchsuchten und durchgesuchtet
„Durchsuchten“ ist ein scherzhaftes Wortspiel, das den übermäßigen Konsum einer Serie beschreibt. Wer eine Serie „durchsuchten“ will, sieht sie suchthaft und möglichst am Stück an.
Das Wortspiel mag man gelungen finden oder nicht. Der Vergleich mit einer Sucht kann allerdings leichtfertig wirken. Wer neutral bleiben möchte, kann sagen:
- „Ich habe die Serie in einem Rutsch gesehen.“
- „Ich habe die Serie verschlungen.“
- „Ich habe ein Serienwochenende eingelegt.“
Zeitnah
„Zeitnah“ klingt geschäftsmäßig, sagt aber oft nicht genau, wann etwas geschehen soll. Gemeint sein können „bald“, „in Kürze“ oder „innerhalb der nächsten Tage“.
Wenn der Zeitpunkt wichtig ist, hilft eine konkrete Angabe mehr: „bis Freitag“, „innerhalb einer Woche“ oder „am 3. November“.
Optimieren
„Optimieren“ bedeutet, etwas im Hinblick auf bestimmte Ziele möglichst günstig zu gestalten. In technischer oder fachlicher Sprache kann das Wort genau passen.
Im Managementsprech bleibt dagegen oft offen, was verbessert werden soll – oder nach welchen Maßstäben. Manchmal klingt „optimieren“ auch freundlicher als die konkrete Maßnahme, etwa wenn Stellen gekürzt oder Aufgaben verlagert werden.
Modewörter kommen und gehen
Nicht jedes Modewort ist überflüssig, und nicht jede englische Wendung braucht ein deutsches Ersatzwort. Entscheidend ist, ob ein Begriff etwas Genaues und Nützliches ausdrückt – oder ob er nur eine einfache Aussage aufbläht.
Die Sammlung wird weiter wachsen. Denn solange es neue Modewörter gibt, wird es auch Sätze geben wie: „Am Ende des Tages ist das ein echter Gamechanger – und zwar in der Crunchtime.“